Der Traum vom Heilbutt
Viele Angler träumen davon, in Norwegen den Fisch des Lebens zu fangen. Für die meisten ist das eindeutig ein Heilbutt, am besten vom Format einer Tischplatte. In nahenden Frühjahr stehen die Chancen für so einen Fang besonders gut. Für Kingfisher-Mitarbeiter Markus Heine wurde der Traum vom Heilbutt wirklich wahr – hier erzählt er von diesem Erlebnis.
Mein Heilbutt-Highlight liegt bereits einige Jahre zurück. Es war die Zeit, als die ersten Spezialisten begannen, ganz gezielt auf den König der Nordmeere zu angeln. Bis dahin war der Butt ein großes Rätsel, man spekulierte, wo er sich aufhielt und wie man ihn überlisten sollte. Tief oder flach? Mit Natur- oder Kunstködern? Viele Fragen, wenig Antworten. Bis einige Spezialisten anfingen, ihm große Gummifische zu servieren. Es war des Rätsels Lösung. Plötzlich wurden Heilbutte ganz gezielt gefangen – eine Revolution im Meeresangeln in Norwegen.
Zu den damaligen Spezialisten gehörten ein Finne und ein Schwede: Kristian Keskitalo und Per Jonasson. Ihr bevorzugtes Revier waren Inseln auf der süd-westlichen Verlängerung der Lofotenkette kurz vor Røst. Exponierte Ziele, mitten im Meer gelegen, die Hotspots zum Heilbuttangeln direkt vor der Haustür. Ich besuchte Kristian und Per für eine Woche im Mai.
Die Saison war erst wenige Tage alt, und die beiden hatten schon hervorragend gefangen. Ihr größter Butt wog stolze 122 Kilogramm bei einer Länge von fast zwei Metern, Köder war ein 23 Zentimeter langer, hellbrauner Gummifisch. Als Kristian mir den Shad zeigte, staunte ich nicht schlecht: Er war total zerbissen, seine Oberfläche ganz rau und mit klitzekleinen Löchern überzogen. Es war offensichtlich: Die Heilbutte bissen gut und hatten den hellbraunen Gummifisch mit schwarzem Rücken und rotem Bauch zum Fressen gern.
Skeptisch betrachtete ich den Einzelhaken des Shads. Ein Haken reicht aus? »Ganz genau«, erklärte mir Kristian. »Der sitzt während des Drills sogar besser im Maul als ein Drilling und lässt sich leicht lösen, sodass wir die Heilbutte schnell zurücksetzen können.« Das passierte mit den meisten Fängen, nur wenige wurden entnommen.
Die Hotspots zum Heilbuttangeln lagen nur fünf bis zehn Minuten vom Hafen entfernt. »Wir fischen in Tiefen von 15 bis 30 Metern«, sagte Kristian, als wir mit seinem modern ausgestatteten Boot aus dem Hafen tuckerten. »Am besten ist sandiger Grund mit einigen Steinen.« Diese Flachwasserbereiche findet man in Buchten oder um kleine Inseln herum. Ganz heiß sind enge Passagen, durch die bei auflaufendem Wasser die Strömung drückt.
Die Führung des Gummifischs ist kein Hexenwerk. Man lässt ihn bis zum Grund sinken, macht drei bis vier Kurbelumdrehungen und legt dann den ersten Stopp ein. Zehn Sekunden Pause, während der der Gummifisch in den Wellen schaukelt, das genügt. Dann wieder einige Umdrehungen.
Zweiter Stopp. »So durchkämmt man die ganze Wassersäule«, erklärte Kristian. »Eine Attacke kann jederzeit erfolgen. Heilbutte jagen nämlich nicht nur am Grund, sondern auch im Mittelwasser und wagen sich sogar bis zur Oberfläche. Nachläufer sind deshalb nicht selten. Und wenn plötzlich wie aus dem Nichts eine riesige, marmorierte Tischplatte vorm Boot auftaucht, erschreckt sich jeder noch so abgebrühte Angler.«
Das Angeln auf Heilbutte erfordert Geduld und Durchhaltevermögen. In der Regel wartet man nämlich stundenlang auf einen Biss – und wird oft gar nicht damit belohnt. Zu allem Überfluss gibt es an prädestinierten Heilbuttplätzen kaum Abwechslung, denn meistens stehen in den flachen und sandigen Regionen keine Dorsche oder andere Fische. Die besten Stellen sind die, an denen man kaum Beifänge hat. Das kann durchaus zäh und langweilig werden, wenn aber ein Butt beißt, geht die Post ab. Der Drill gehört zu den aufregendsten Sachen, die man als Angler erleben kann. Dabei beginnt alles so harmlos ...
Info
Dieser Reisebericht stammt aus dem Buch „Den Fischen auf der Spur – Ein Angeljahr in Erzählungen“ von Markus Heine, erhältlich für 14,99 Euro als Paperback (ISBN: 978-3754316887) oder für 6,99 Euro als E-Book (z. B. bei Amazon). Solch ein hervorragendes Heilbuttangeln erleben Sie in den Kingfisher-Zielen auf der Lofotenkette, zum Bespiel am Nappstraumen, auf Å oder Røst. Der Mai gehört zu den Top-Monaten zum Heilbuttangeln. Übrigens nicht nur auf den Lofoten, sondern auch auf den Vesterålen und weiter nördlich in den Regionen Troms und Finnmark.
Wir angelten bereits seit einigen Stunden – ohne einen einzigen Biss bekommen zu haben. Wie eine Maschine kurbelte ich den braunen Gummifisch immer wieder durchs Wasser, ließ ihn pausieren und startete ihn neu. Nichts passierte. Kein Zupfer. Kein Beifang. Kein Leben in der Schnur. Es war still an Bord, auch Kristian und Per angelten stumm und unermüdlich. Dichter Nebel umgab uns. Wir befischten eine flache Bucht und standen nur 50 Meter vom Ufer entfernt, sahen jedoch kein Land. Seit Stunden nieselte es. Nach und nach kroch die feuchte Kälte in meinen Thermoanzug. Angeln soll Spaß machen? Heute nicht.
Ich trank einen heißen Tee. Angelte wieder eine halbe Stunde, um mich dann erneut von einer Tasse aufmuntern zu lassen. So ein Tee ist schon eine feine Sache. Die Sonne mühte sich, den Nebel zur Seite zu schieben. Nach und nach schaffte sie es. Stunde um Stunde vergingen. Irgendwann war mein Tee leer.
Dann kam die Flut, und mit dem auflaufenden Wasser erwachte das Leben. Plötzlich ruckte es in meiner Schnur, ganz sachte, kaum zu merken. Pause. Leichter Wider stand. Der Fisch war noch da. Dann wippte die Spitze der 30-lbs-Rute kurz und wurde unter gleichmäßigem Zug krumm gezogen. Beherzt setzte ich den Anhieb. Ich musste nicht lange überlegen, ob der Haken gefasst hatte, denn es wurden direkt einige Meter der 0,21er Geflochtenen von der Multirolle gerissen.
Was mit einem zaghaften Biss begann, gipfelte in einer brachialen Flucht. Der Fisch stürmte davon. Ich ließ ihn zunächst gewähren, verstärkte nach und nach jedoch den Druck und forcierte den Drill. Mein Gegenüber zeigte sich beeindruckt, flüchtete immer halbherziger und wurde schwächer, sodass ich ihn zum Boot lenken konnte. Als dann die marmorierte Flanke eines Heilbutts auf mich zu glitt, spürte ich eine gehörige Genugtuung. Das Durchhalten hatte sich gelohnt!
Das Meer schenkte mir einen etwa 20 Kilo schweren Butt. So still es an diesem Morgen an Bord gewesen war, so ausgelassen jubelten wir jetzt. Uns allen fiel ein Stein von Herzen, der Bann war gebrochen. Zufrieden schickte ich den braunen Gummifisch, der jetzt mit einigen Zahnabdrücken mehr gespickt war, wieder zum Meeresgrund.
Ich dachte noch an meinen ersten Butt des Tages, als mir fast die Rute aus der Hand gerissen wurde. Eine Attacke aus dem Nichts! Extrem stark, extrem aggressiv. Jetzt wusste ich, was Kristian meinte, als er mir die zwei Arten von Buttbissen erklärte: die zaghaften und die rabiaten. Letztere passieren, wenn sich ein Heilbutt im Affenzahn auf den Gummifisch stürzt.
Ein Anhieb erübrigte sich bei der brutalen Attacke, die Bootsrute krümmte sich gleich zum Hufeisen. Ich spürte ein enormes Gewicht und mutmaßte, ein russisches U-Boot gehakt zu haben, als der Heilbutt seinen Turbo einlegte und unter dem Bug des Bootes hindurch flüchtete. Ich stolperte aus dem Heck nach vorne und versuchte, die Schnur möglichst gespannt zu halten. Dabei hielt ich die Rutenspitze tief zur Wasseroberfläche und hoffte, dass die Geflochtene nicht am Bootskiel zerriss.
Es klappte, sodass ich irgendwann im Bug des Bootes stand wie Leonardo di Caprio im Film Titanic. Der Butt raste davon und zeigte seine unbändige Kraft. Es war nicht daran zu denken, ihn in dieser Phase zu bändigen. So ein ICE lässt sich nicht stoppen, keine Chance. Meine Arme zitterten. Zum Glück hatte ich Hunderte Meter Schnur auf der Multirolle, sodass in diesem Punkt kein Engpass zu befürchten war.
Kristian erleichterte meinen Drill, indem er mit dem Boot langsam hinter dem Fisch herfuhr. In knapp 20 Metern Tiefe konnte der Butt nur nach vorne, zur Seite oder nach hinten schwimmen, glücklicherweise jedoch nicht in die Tiefe. Locker flüchtet so ein Riese nämlich hundert Meter abwärts, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Ihn wieder zur Oberfläche zu pumpen, ist mühsam und anstrengend. Im Flachwasser sind die Fluchten eines Heilbutts dagegen gut zu bewältigen.
Bereits nach 15 Minuten kam der Butt das erste Mal ans Boot. Mit offenem Maul glitt er auf uns zu, seine riesige weiße Flanke leuchtete im dunklen Wasser. Er wäre sicherlich noch einmal geflüchtet, kam jedoch nicht dazu, da Per und Kristian ihn überrumpelten und bei der ersten Gelegenheit mit zwei kleinen Gaffs ins Boot zerrten.
Da lag er dann, ein riesiger Heilbutt. Wir konnten unser Glück kaum fassen und fielen uns in die Arm. Ich musste mich setzen. Meine Beine waren weich wie Pudding, meine Hände zitterten. Noch verstand ich nicht, was mir da vergönnt gewesen war. Voller Respekt betrachtete ich den kapitalen Heilbutt, den König des Nordmeeres. Er wog 73 Kilogramm und war 1,75 Meter lang. Der Fang meines Lebens.
